[Gastprojekt]
Crotla Presents TIN MAKES SENSE
Das Gastprojekt »Crotla Presents: Tin makes Sense« zeigt die Ergebnisse eines kollaborativen Arbeitsprozesses, in dem sich die eingeladenen Künstler:innen mit dem Material Zinn experimentell auseinander gesetzt haben. Die Arbeiten werden gemeinsam installativ präsentiert.
Ein Gastprojekt im Kunstraum, aus Anlass der Münchner Schmuck
Crotla Presents: Tin makes Sense
von Ramona Šeremešić
Der Einfluss von Metallen auf die Menschheit wird bezüglich der Nomenklatur langandauernder Perioden der Menschheitsgeschichte evident. Verwendung findet in der Ausstellung „Tin makes Sense“ Zinn, welches bereits ab der Bronzezeit seinen Einsatz in der namensgebenden Legierung findet, zusammen mit Kupfer. Als eines der am frühesten verarbeiteten Metalle lässt sich dessen historische Bedeutung nicht leugnen, auch, wenn sich die Natur der Produkte gewandelt hat: Während man mittelalterlichen Pilgermarken aus einer Blei-Zinn-Legierung sogar eine heilende Wirkung nachgesagt hat, kann man gleiches nicht von modernen 10-, 20- und 50-Cent-Münzen behaupten, obgleich diese ebenfalls Zinn enthalten. Beide Objektklassen verbindet jedoch eine ähnliche Implikation: Sie sind Beweise für abstrakte Stellvertreterbeziehungen, Transaktionen und Transformationen.
Der Fokus der Ausstellung „Tin makes Sense“ schöpft sowohl aus dem Gewicht des historischen Metalls Zinn als auch aus dem graduellen Verfall seines metaphysischen Werts: Besitzt Zinn in seiner reinen Form noch eine valide Daseinsberechtigung, oder hängt dessen Akzeptanz nur mehr an seinem Nutzen als Beimischung zu anderen Metallen? Wie kann es in den Fokus gerückt werden, wenn es größtenteils nur als Legierungszusatz Verwendung findet, wobei im Anschluss das Endprodukt seine Bestandteile vollkommen überschattet?
Aufgestellt wird die Behauptung, dass genau ebendiese Eigenschaft Zinn als Material von anderen abhebt. Sein bei 231,9°C liegender Schmelzpunkt erleichtert maßgeblich die Bearbeitung und erlaubt die unkomplizierte Formung des Metalls unter niedrigem Energieaufwand. Die Legierungen in Verbindung mit Kupfer, Blei, Zink oder Antimon weisen Robustheit und Stabilität auf: ‚Zinngeschrei‘, das brutal terminierte Geräusch charakteristischen Knirschens beim Verbiegen reinen Zinns, setzt selbst bei geringer Beimengung anderer Metalle aus. Als Lot zeichnet sich die Zinnlegierung durch ihren niedrigen Schmelzpunkt und die Qualität, andere Metalle zu binden, aus. Wenngleich Zinn in der Ausstellung Verwendung in seiner Reinform findet, unterstreichen die bewusst gezogenen Seilstrukturen dennoch das metaphorische Potenzial für Verbindungen.
Die Idee dieser Ausstellung ist die sogenannte ‚Art Collaboration‘, bei der die Vielfalt der Perspektiven zu zufälligen Beziehungen zwischen den gemeinsam aus Zinn angefertigten Werken führt. Genauso wie Zinn als Mittel zum Zweck für legierte Endprodukte benutzt wird, so akzentuiert die Ausstellung die Rolle des Schwermetalls im Herstellungsprozess und betont seine Funktion als verbindender Bestandteil innerhalb eines facettenreichen Großen und Ganzen. Durch die Vielfalt der Perspektiven entsteht ein Endprodukt, welches schließlich kohäsiv von eigens gefärbten Jutestricken zusammengehalten wird. So wird jede Baumstruktur ein eigenes Werk, das Autorschaft verschmelzen lässt. Eine Legierung im metaphorischen Sinn. Durch Zinn, Jute, und Menschenhand.
Obgleich Zinnlagerstätten heutzutage weitestgehend ausgebeutet sind, greift Crotla – wie ein Seifner – in Vergessenheit geratenes Material wieder auf. Durch die Verbindung der einzelnen Werke untereinander zu Sinngemeinschaften ermöglicht er so in Zusammenarbeit mit den beteiligten Künstlerinnen und Künstlern mehrschichtige Interpretationen des ausgestellten Konglomerats.
Ramona Šeremešić